Dr. Ralph Sergio Seidel

Geboren 1968 in Neapel, Studium der Philosophie und Germanistik in Frankfurt, Saarbrücken und Nancy, Promotion in Philosophie im Graduiertenkolleg „Interkulturelle Kommunikation“, seit 2000 Unternehmensberater, zunächst bei der SIPA Unternehmer Beratung und seit 2005 Gesellschafter und Partner bei Gräser & Seidel
  Was sucht ein Philosoph im Beratungsgeschäft?

Diese Frage begegnet mir immer wieder, seitdem ich meine Ambition auf eine Universitätskarriere mit Entwicklungsperspektiven im Beratungsgeschäft eingetauscht habe.

Lassen Sie mich eine Gegenfrage stellen: Was haben Sie von einem Berater, der kein Philosoph ist? Suchen Sie Rat von jemandem, der Ihnen ein vorgefertigtes Konzept präsentiert, eine im Voraus definierte Dienstleistung an Ihnen vollzieht? Suchen Sie einen Gesprächspartner, der Ihrer Gedanken- und Handlungswelt eine weitere daneben- oder gegenüberstellt?

Die entscheidende Leistung ‚philosophischer’ – also nicht an bestimmte Voraussetzungen gebundener – Reflexion ist es, eine Gedanken- und Handlungswelt zur Sprache zu bringen, sie zu ordnen und ihre Grenzen und Möglichkeiten sichtbar und begreifbar zu machen.

Man kann das mit dem Blick auf eine Brille vergleichen: Unsere Denk- und Handlungsgewohnheiten sind in gewisser Hinsicht wie eine Sehhilfe, mit der wir die Welt betrachten. Wenn wir eine Brille aufsetzen und eine Weile tragen, können wir nicht mehr erkennen, ob sie die Dinge rosa färbt, ob sie alle Ecken zu Rundungen macht oder für Fernsicht ungeeignet ist. Es gibt keine Brille, mit der man die Brille selbst sehen kann – daher muss jeder seine Brille absetzen, Form und Gestalt der Linse betrachten und mit anderen Brillen in ihrer Durchsicht vergleichen, wenn er sich über die Möglichkeiten und Grenzen seiner Sehhilfe klar werden möchte.

Der Unterschied zwischen der Brille und unserem Denken und Handeln liegt darin, dass wir eine Brille leicht absetzen können – unser Denken und Handeln können wir aber nicht einfach ablegen und von außen betrachten. Wir sind deshalb auf einen außen stehenden Dritten angewiesen, der mit uns in einen Dialog eintritt und uns dabei hilft zu verstehen, was wir tun, wenn wir so tun und denken, wie wir es tun …

Es gibt viel Wissen und Werkzeuge für den beruflichen Erfolg, die man in der Schule, auf der Universität und in der Weiterbildung lernen kann – der ‚Blick auf die Brille’ setzt aber eine bestimmte Haltung voraus, die man nicht in einem Schnellkurs erwerben kann – wie Verkaufen und auch Mitarbeiter führen. Man muss dafür auch nicht Philosophie studiert haben - aber schaden tut es nicht.